DDR Museum Mühltroff im Vogtland Land Sachsen

Jugendkulturen in der DDR

"Die Entwicklung der jungen Menschen zu sozialistischen Persönlichkeiten ist Bestandteil der Staatspolitik der Deutschen Demokratischen Republik und der gesamten Tätigkeit der sozialistischen Staatsmacht." Solche gesetzlichen Vorgaben, die in allen staatlichen Einrichtungen zu beachten und umzusetzen waren, stellten hohe Erwartungen an das systemkonforme Verhalten von Jugendlichen, die aber, durch westliche Medien vermittelt, auch von Rock- und Beatmusik sowie von der Popkultur beeinflusst wurden.

Jugendweihe in Berlin-Lichtenberg 1989
Die Jugendkultur in der DDR war wie andere Jugendkulturen auch von den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen im Umfeld geprägt, in ihrem Falle der sozialistischen Ideologie der DDR. Die noch an der bündischen Jugendbewegung und den politischen Jugendorganisationen Anfangs des Jahrhunderts orientierte Freie Deutsche Jugend (FDJ) knüpfte an die prägenden Jugenderfahrungen der DDR-Führungsschicht an.

Das Bildungssystem der DDR und die intensive Begabtenauswahl im Sport in der DDR waren Ausdruck einer intensiv formierten Gesellschaft mit hoher Erwartungshaltung an Jugendliche und ihr systemkonformes Verhalten. Neben der SED-Ideologie gemäßen Organisation der Jugendkultur mit einer starken Reglementierung und Einbindung von Jugendlichen in den Aufbau des Sozialismus existierte aber stets eine weitverbreitete subkulturelle Jugendkultur in der DDR in Anlehnung und Hinwendung an internationale und westliche Vorbilder.

Politische Einflussnahme auf die Jugendkultur im Kontext des Ost-Westkonflikts

Die Jugendpolitik der DDR war zunächst geprägt durch historische Erfahrungen der Führungsschicht und die im Rahmen der FDJ angestrebte Erweiterung der parteieigenen Jugendarbeit und deren Ritualen auf die gesamte Gesellschaft. Eine DDR-spezifische Erscheinung waren dabei Jugendobjekte und Jugendbrigaden, die Jugendlichen ermöglichten, sich im heimischen Betrieb wie auch bei internationalen Einsätzen (unter anderem bei der Erdgaspipeline Druschba-Trasse) zu profilieren und von denen man sich im Rahmen der Planerfüllung zusätzliches Engagement und Arbeitsleistungen erhoffte. Erwartungen an Jugendliche und deren Erziehung und Ausbildung wurden 1974 im Jugendgesetz der DDR niedergelegt. Die strikte Einbeziehung in die Vorbereitungen zum „Schutz des Sozialismus" wurde an der Einführung des Fachs Wehrerziehung in den DDR-Schulen Ende der 1970er-Jahre deutlich.

Die unmittelbare Präsenz der westdeutschen Öffentlichkeit über Medien und direkte Kontakte stellte dabei eine wesentliche Herausforderung dar. „Es ist zu berücksichtigen, dass die sozialistische Erziehung der Jugend unter den Bedingungen der Existenz des westdeutschen staatsmonopolistischen Herrschaftssystems und der feindlichen Kräfte in Westberlin und Westdeutschland sowie einzelner negativ und feindlich eingestellter Personen im Gebiet der DDR erfolgt."

Entsprechende „geeignete Erziehungsmaßnahmen" zur Heranführung an sozialistische Ideale waren jedoch nur bedingt erfolgreich. „Die Entwicklung der jungen Menschen vollzieht sich nicht ohne Konflikte und Schwierigkeiten." Wer diese Schwierigkeiten verursachte, war für die SED-Führung eindeutig: der Bonner Staatsapparat, die westlichen Geheimdienste, Agentenzentralen und Zentren der politischen und ideologischen Diversion, Film- und Starclubs, kirchliche Institutionen, Rundfunk, Presse und Fernsehen.

Umbrüche in der Jugendpolitik der DDR sind nach dem Mauerbau 1961 bis zu den Jugendkrawallen 1965 im Umfeld eines Rolling-Stones-Konzertes an der Grenze zu West-Berlin sowie der Ablösung Walter Ulbrichts durch den ehemaligen FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker festzustellen. Dabei führte die Schließung der Grenze nach außen anfänglich zu einer Öffnung nach innen.

Umgang mit Musik und Tanzkultur zu Zeiten Walter Ulbrichts

Vor dem Aufkommen von "Beatmusik" in der DDR wurde versucht, eine moderne, aber nicht zu westlich klingende Tanzmusik zu etablieren. In den frühen 1960er-Jahren entstanden in der DDR eine Reihe von Instrumentalmusik-Schallplatten mit tanzbarer, aber im Vergleich zur westlichen weniger "wilder" Musik. Musik in englischer Sprache war von der DDR-Kulturbürokratie abgelehnt worden, die deutsche Sprache erschien den meisten Musikern als unpassend.

Eine große Rolle spielten hierbei die Rundfunk-Tanzorchester und „Amateurtanzkapellen". Im Jahre 1959 wurde mit dem Lipsi ein eigener Tanz kreiert, der den westlichen Tänzen (z. B. Rock 'n' Roll und Twist) Paroli bieten sollte, aber nur mäßig erfolgreich war, ähnlich beim Orion-Modetanz Anfang der 60er Jahre.

Im Zusammenhang mit den Deutschlandtreffen der Jugend profilierte sich der damalige FDJ-Vorsitzende Erich Honecker. Am 21. September 1963 verabschiedete das SED-Politbüro ein sogenanntes Jugendkommuniqué. Danach sollte das Verhältnis der Jugend frei sein von „Gängelei, Zeigefingerheben und Administrieren". 1964 wurde das DDR-Jugendradio DT64 gegründet, das auch im Westen Anhänger fand. Außerdem fand ein so genanntes „Deutschlandtreffen der Musik" statt, wo DDR-eigene Beatgruppen auftraten, so die Sputniks, die Butlers und das Diana Show Quartett. 1965 kamen erste Produktionen mit dem Michael Fritzen Quartett und der Theo Schumann Combo hinzu. Für die DDR-Jugendkultur prägend waren unter anderem Filme und zugehörige Filmmusik wie Die Legende von Paul und Paula und Heißer Sommer Ende der 60er. Bedeutend wurde die Singebewegung in Anlehnung an die Liedermacher der Alternativbewegung im Westen.

Nach Krawallen im Anschluss an ein Konzert der Rolling Stones in der West-Berliner Waldbühne im September 1965 und im Gefolge der Leipziger Beatdemo, die umfangreichste nichtangemeldete Demonstration zwischen 1953 und 1989, sah die DDR-Führung die Beatbewegung zunehmend als problematisch an. Bekannt wurde Walter Ulbrichts Aussage "Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nun kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen."

Wandel nach 1971

Betriebsdisko
Nachdem Erich Honecker 1971 Ulbricht ablöste, entspannte sich die geistige, kulturelle und politische Lage in der DDR zeitweise wieder. Die neue politische Ausrichtung versprach eine gewisse Liberalisierung. Ein Beispiel dafür ist der Arbeitskreis Literatur und Lyrik Jena. Es gab zunehmende Freiräume in der Musikszene und -Ausbildung für an westlicher Popmusik orientierte Gruppen wie die Puhdys, Karat und Pankow. Die Aufführungsmöglichkeiten und das Musikprogramm etwa in Studentenclubs waren nach wie vor stark reglementiert. Umgekehrt vermochte der westdeutsche Sänger Udo Lindenberg sich eine breite Fanbasis in der DDR zu verschaffen. Im Rahmen von Veranstaltungen linker Jugendorganisationen in der Bundesrepublik wie dem Festival der Jugend in Dortmund entstand eine intensive Wechselwirkung mit dem Westen.

Anfang der 1970er-Jahre wurde Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W." zu einem Dokument der DDR-Jugendsprache wie einer DDR-spezifischen Außenseiterkultur. Anfangs ein Sensationserfolg in der DDR, konnte das Stück ähnlich wie der Film "Spur der Steine" später nur noch im Westen aufgeführt werden. Ein wesentlicher Bruch war die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976.

Spezifische jugendkulturelle Subkulturen

Ein in Mode, Musik und Habitus an westlicher Jugendkultur ausgerichtetes Verhalten von Jugendlichen war dauernden Repressionen unterworfen. Nonkonformistische Jugendliche engagierten sich zunehmend innerhalb der kirchlichen Jugendarbeit, weil man sich hier im Sinne der "Nischengesellschaft" (so ein Terminus von Günter Gaus) etwas freier äußern und interessiertes Publikum finden konnte. Für Punkbands in der DDR boten Kirchen oft die einzigen Auftrittsmöglichkeiten, Plattenveröffentlichungen waren wie bei der LP DDR von unten nur über den Westen möglich.

In den 1970er Jahren war die Blueserszene eine DDR-typische Erscheinung. Eine späte Erscheinung waren die Neugründungen von DDR-Studentenverbindungen Anfang der 1980er-Jahre. Um etwa 1985 drang die Grufti-Bewegung über Berlin und Westdeutschland auch in Teile der Deutschen Demokratischen Republik vor. Das Alter der Szenemitglieder bewegte sich zwischen 14 und 23 Jahren. Dieter Baacke räumte in seinem Buch "Jugend und Jugendkulturen - Darstellung und Deutung" (1999) der Szene in der DDR eine Blütezeit ein, die sich auf die Jahre 1988/1989 datieren lässt.

Bis zum Mauerbau 1961 konnten sich Rechtsextremisten der Strafverfolgung in der DDR durch Übersiedlung in die BRD weitestgehend entziehen. Bereits in den 60ern waren in der DDR rechtsextreme Jugendgruppen aufgefallen, die Hakenkreuz-Schmierereien verübt, Propagandamaterial und sogar Waffen gesammelt hatten. Anfang der 80er entstanden auch Skinheadgruppen, die ähnlich wie im Westen in rechtsextreme, unpolitische und SHARP-Skinheads differenziert waren, so zunächst in Ost-Berlin, Rostock und Leipzig, oft im Umfeld von Fußballfangruppen. Mitte der 1980er-Jahre gab es in allen ostdeutschen Großstädten Skinhead-Gruppen. Der Kriminalpolizei der DDR waren zu dieser Zeit 1.500 rechtsextreme Jugendliche bekannt. 1987 führte ein Überfall ostdeutscher Skinheads auf ein Konzert der West-Berliner Band Element of Crime in der Zionskirche (Berlin) zu internationalem Aufsehen.

Quelle Wikipedia


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