DDR Museum Mühltroff im Vogtland Land Sachsen

Gelenktes und begrenztes öffentliches Leben in der DDR

Die marxistisch-leninistische Doktrin in der Lesart der SED gab dem öffentlichen Leben in der DDR die Leitlinien vor und setzte ihm Grenzen. Das galt auch für die Auslegung der Grundrechte, zu denen es in der Verfassung von 1968 hieß, die DDR garantiere allen Bürgern „die Ausübung ihrer Rechte und ihre Mitwirkung an der Leitung der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie gewährleistet die sozialistische Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit." (Art. 19 Abs. 1). Im Weiteren folgt als Grundsatz die Aussage: „Arbeite mit, plane mit, regiere mit!" (Art. 21 Abs. 1).

Wie an vielen Stellen des Verfassungstextes ablesbar und in der gesellschaftlichen Realität der DDR spürbar, war die Rechteausübung seitens der Bürger an die Übereinstimmung mit dem DDR-Sozialismus gebunden:

  • Die freie Entfaltung der Persönlichkeit war dem Ziel der Heranbildung sozialistischer Persönlichkeiten untergeordnet und erfuhr nur in diesem Sinne Förderung.
  • Das Demonstrationsrecht hatte bei offiziellen Anlässen teilweise den Charakter einer kollektiven Verpflichtung, war im Falle oppositioneller Bekundungen aber nicht gelitten und stellte in Form der „Boykotthetze" bzw. der „staatsfeindlichen Hetze" einen Straftatbestand dar.
  • Die freie Meinungsäußerung in Form der veröffentlichten Meinung und die Gewährleistung der Pressefreiheit waren in der DDR-Wirklichkeit an Linientreue im Rahmen der je aktuellen Bandbreite gebunden. Davon abweichende Äußerungen unterlagen der vielfältig gestuften staatlichen Zensur. Unter Strafe stand auch der „Missbrauch der Medien für die bürgerliche Ideologie", was Autoren und Journalisten disziplinierte und neben Zeitungen, Büchern und anderen Druckerzeugnissen auch Radio und Fernsehen, Satire, Kunst und Wissenschaft betraf.

Einen Mangel im von der Zensur zugelassenen Zeitschriftenangebot gab es vor allem im Bereich der Wochen- und Hobbyzeitschriften. Illustrierte Zeitschriften, wie zum Beispiel das Magazin „Neues Leben" oder die Fernsehzeitschrift „FF-Dabei" waren nur sehr schwer erhältlich. Auch beliebte Medien, etwa „Das Magazin", die einzige Zeitschrift, die Aktfotos im Programm hatte, war in der DDR in ihrer Auflage begrenzt. Aufführungen der wenigen politischen Kabaretts der DDR (u. a. Die Distel und die Leipziger Pfeffermühle) waren zwar auf Jahre hin ausverkauft, die Vorstellungen im Radio oder TV aber nur in Ausnahmen und ausschnittweise übertragen. Bei Büchern, insbesondere Belletristik, führte das Druckgenehmigungsverfahren de facto zu einer Vorzensur und zu einer werkspezifischen Steuerung.

Die nach Stefan Wolle einzigartig „lückenlose und perfekte" Überwachung des öffentlichen Raums in der DDR - „Wie ein riesiger Krake lag die Staatssicherheit über dem Land und drang mit ihren Saugnäpfen in den verborgensten Winkel der Gesellschaft" - erzeugte ein Klima dauernder Verunsicherung und eine Ersatzöffentlichkeit, die von politischen Witzen und von Gerüchten gespeist wurde.

Als Folge der Unterdrückung einer eigenständigen Öffentlichkeit wird das weitgehende Fehlen politischer Skandale gesehen. Skandalartige öffentliche Auseinandersetzungen, etwa um Theateraufführungen der 1950er und 1960er Jahre, die Selbstverbrennung des Pfarrers Brüsewitz 1976, die Ausbürgerung Biermanns oder die Kaffeekrise in der DDR ab 1977 blieben Ausnahmen. Sie standen auch in engem Zusammenhang mit der den DDR-Bürgern zugänglichen Berichterstattung in Westmedien, gegen deren Nutzung die Staatsführung nicht ankam. Mit Ausnahme des sogenannten Tals der Ahnungslosen waren überall in der DDR westdeutsche Rundfunk- und Fernsehprogramme zu empfangen. Gerade nach dem Mauerbau trugen politische Programme wie „Kennzeichen D" oder „Kontraste" mit Korrespondentenberichten aus der DDR zur Information über Veränderungen in der DDR bei. Sie ermöglichten der DDR-Bevölkerung Teilhabe und Zugang zu der öffentlichen Diskussion auch in sie unmittelbar angehenden Fragen. Die DDR-Führung suchte propagandistisch dagegenzuhalten, insbesondere in der von Karl-Eduard von Schnitzler moderierten Sendung „Der schwarze Kanal". Die in der Ära Honecker geduldete allabendliche „kollektive Ausreise" unterminierte einerseits die Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit der staatlichen Propaganda, konnte aber auch systemstabilisierend wirken, indem die durch das Grenzregime physisch an Westreisen gehinderten DDR-Bewohner die stets mögliche Erweiterung des Informationshorizonts nach Westen als eine gewisse Erleichterung ihrer Lage erlebten.

Propagandaplakat in Dresden, Oktober 1985
Eine allumfassende politische Steuerung der Gesellschaft war seitens der DDR-Obrigkeit demnach nicht realisierbar. Es gab weiterhin gesellschaftliche Teilbereiche, insbesondere die Kirchen, die informelle Netzwerke und Freiräume zuließen. Auch die Planwirtschaft förderte mit ihren ungeplanten Nebenerscheinungen und Defiziten die Wahrnehmung von Eigeninteressen und informelle Selbsthilfeaktivitäten in den Kollektiven. Gewisse Freiräume bestanden bei aller generellen Linientreue auch zum Beispiel in den Blockparteien, wo man das bürgerliche „Sie" hochhielt und zwar keine Chance besaß, in die wirklichen Schlüsselpositionen des Staates aufzusteigen, aber mangels Masse im Verhältnis zur SED-Mitgliedschaft sogar mit besseren Chancen rechnen konnte, auf der „Parteischiene" voranzukommen und auf Proporzbasis in eine gegenüber dem DDR-Normalbürger privilegierte Stellung aufzurücken.

Quelle Wikipedia


Datenschutzerklärung

DDR Museum Mühltroff e.V. • Markt 13 • 07919 Mühltroff • PartnerlinksSo finden Sie zu unsSitemap